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Kholomodumo

Lisa Tetzner, "Die schönsten Märchen der Welt für 365 und einen Tag", 1. Juli, Ursprung Afrika

Vor uralten Zeiten lebte auf Erden ein riesiges Ungeheuer. Das hatte eine Zunge, die war eine Meile lang, und einen Schwanz, der reichte bis an das Ende der Erde, sein Leib war geschuppt, wie der eines Krokodils, und sein Rachen war so schrecklich groß, dass es ein Ochsengespann samt Wagen auf einmal verschlingen konnte.

Das Ungeheuer hieß Kholomodumo. Es kroch dahin und dorthin. Seine Zunge reichte weiter als weit, sie holte Menschen und Tiere und steckte sie damit in den geöffneten Rachen. So lange tat es das, bis alle Menschen und alle Tiere verschlungen waren. Alle Städte und Dörfer waren verfallen, nur Schlangen hausten darin und Schakale heulten dort.

Aber eine Frau war übriggeblieben. Sie hatte sich im Walde, im Dickicht, versteckt. Der Kholomodumo konnte sie nicht mehr verfolgen, er hatte zu viel gefressen. Nach einiger Zeit gebar sie einen Sohn, und als sie den Knaben ansah, erkannte sie, dass er ein Wunderkind war. Er hatte gliech den Mund voll Zähne und konnte vom ersten Tage an sprechen. Als der Knabe größer wurde, zeigte er Verstand und Heldenmut. Aus Eisen schmiedete er sich allerlei Werkzeuge, starke Speere und ein großes, zweischneidiges, haarscharfes Messer. Täglich kämpfte er gegen die wilden Tiere und beschützte seine Mutter; auch die Löwen besiegte er mit seinem riesenstarken Arm. Er fürchtete sich vor nichts.

Auf seinen Jagdzügen gelangte er einmal zu den Ruinen der Menschenwohnungen. Nach Hause zurückgekehrt, fragte er seine Mutter: "Wer hat da gewohnt?" Da erzählte sie ihm von dem furchtbaren Unglück, das über die Erde gekommen war. Sie warnte ihn, dem Kholomodumo nahe zu kommen. Doch der Knabe brannte vor Begierde, mit dem Ungeheuer zu kämpfen. Endlich konnte ihn die Mutter nicht mehr halten. Er zog aus, bewaffnet mit seinen Lanzen und seinem großen Messer, und suchte den Kholomodumo. EinesTages fand er ein dickes, schwarzes Etwas im Wege liegen, wohl eine Meile lang. Das war die gefürchtete Zunge ders Ungeheuers. Blitzschnell schwang er sein Messer und hieb sie mitten entzwei. Nun konnte ihn das Untier nicht mit der Zunge packen. Er ging weiter, da lag der Kholomodumo wie ein großer, langgestreckter Berg. Mit aufgesperrtem Rachen schnappte er nach ihm. Der Knabe aber sprang zur Seite und warf dem Untier eine Lanze ins Auge. Der Bauch des Untiers war von dem vielen Fressen  dick aufgetrieben, daher konnte es sich nicht gleich herumwenden. Der Knabe warf die zweite Lanze in das andere Auge. Da war das Ungeheuer blind. Nun stach er darauf los, immer in den Kopf hinein, bis der Tod den Rachen des Tieres schloss.

Da betastete er den Bauch, um zu sehen, wo er ihn aufschneiden könnte. Schliesslich setzte er das Messer an, da hörte er drinnen ein Rind vor Schmerzen brüllen. Er stach an einer anderen Stelle, da heulte ein Hund. Er probierte an einer dritten Stelle, da schrie ein Mensch. "Lass sein, du verwundest mich!" Nun wusste er nicht mehr, was er anfangen sollte. Schliesslich dachte er: "Ach, wenn ich euch auch ein wenig verwunde, ich muss euch heraushelfen. Ihr dürft nicht verderben da drinnen." Gesagt, getan: er schnitt den Bauch des Untiers der Länge nach auf, und sie kamen alle heraus, Menschen und Tiere. Da kehrten sie zurück in ihre verwüsteten Heimstätten und bauten die zerstörten Städte und Dörfer wieder auf. Auch der Knabe zog mit seiner Mutter zu ihnen.

Eines Tages hielten die Menschen eine große Ratsversammlung. Die einen sagten: "Lasst uns den Knaben zum Könige machen, er hat uns befreit."

Die anderen aber sagften: "Er hat uns dabei verwundet, wir sind deswegen gram. Auch ist er kein Mensch wie wir, er ist ein Hexenmeister, auf, lasst uns ihn töten."

Die Mordbuben gewannen die Oberhand, sie überfielen den Knaben und schlugen ihn tot. Doch als er starb, flog er als goldener Vogel in den Himmel.