Die Sonne

Lisa Tetzner, "Die schönsten Märchen der Welt für 365 und einen Tag",  2. Juli: Ursprung  Südsee


Es war einmal ein Mann, ein Neger in fernen Landen, wo es sehr heiss ist, der konnte darum die Sonne nicht leiden.
"Könnt der nur mal eins auswischen", dacht er, "nun kommt sie schon wieder und brennt mir auf den Rücken und hidert mich, auf die Kokospalme zu steigen und mir reife Früchte zu holen. Sie sitzt schon oben, und ich kann nicht hinauf. Aber warte, ich werde sie schon kriegen.


Er machte eine Schlinge und wollte die Sonne einfangen. Mitten in der Nacht stand er auf, begab sich zu jener Kokospalme und warf dort seine Schlinge aus. Dann stellt er sich unten auf und hielt das andere Ende in der Hand. Als die Sonne heraufstieg, zog er schnell zu, und da steckte sie gefangen in der Schlinge.
"Ach, lieber Menschenbruder", rief sie, "warum willst du mich fangen. Willst du mich am Ende gar umbringen?"
"Ja", erwiderte der Msann, "du sollst sterben."
"Ja", aber wo willst du dich verstecken?" fragte die Sonne. "Wenn du mich umbringst, wird eine andere Sonne mich rächen!" "Ach was", lachte der Mann, "was sollte mir geschehen. Warum musst du immer so heiss auf der Palme sitzen, dass ich nicht hinauf kann? Du musst sterben." Die Sonne rief um Hilfe. Aber es half nichts. Der Mann zog die Schlinge zu, und die Sonne starb.

Doch bald darauf erschien eine andere Sonne. Die suchte den Mann. Sie setzte alle Bäume in Brand, und der ganze Boden glühte vor Hitze. Es nützte dem Mann nichts, dass er sich rasch ein Erdloch grub. Die Sonne schickte ihre Strahlen auch dorthin. Es war ihm auch unmöglich, im Meerwasser Schutz zu suchen. Die Sonne brannte ihm auch dort auf den Leib. Als er sich flach auf den Boden legte, nützte auch das nichts. Die Sonne fand ihn. Als er nun im Zickzack der Sonne ausweichen wollte, brannte sie ihn so tüchtig auf den Leib, dass ihm war, als brenne er wie eine Fackel, und sie brannte so lange auf seinen Schädel herab, bis dieser auseinandersprang und der Mann tot war. Dann fraßen ihre Strahlen auch noch seine Hände und Beine ab, weil er mit ihnen der anderen Sonne das Leben genommen hatte. Darum sagt mach auch noch heute: "Die Sonne soll dir auf den Schädel brennen, dass er springt."