Das Walfischhaus auf dem Meeresgrund

(Indianermärchen aus Die schönsten Märchen der Welt für 365 und einen Tag

gesammelt von Lisa Tetzner)

Tseremsaaks, ein alter Indianer, fuhr einst mit seinen drei Schwägern aus, Seehunde zu jagen. Obwohl sie viele sahen, gelang es ihnen nicht, auch nur einen zu erlegen. Drei Tage lang waren sie bereits auf dem Meer, ohne etwas zu fangen. Am Abend des dritten Tages wurden sie sehr müde, und Tseremsaaks beschloss, vor Anker zu gehen und die Nacht über zu ruhen. Nun banden sie einen schweren Stein an ein Seil aus Zedernzweigen, warfen ihn als Anker aus und legten sich nieder, um zu schlafen. Gerade an dieser Stelle aber lebte  Nugunaks, der Walfischkönig, auf dem Grunde des Meerees.

Der Stein fiel auf das Dach seines Hauses und weckte ihn aus seiner Ruhe. Da sagte er zu seinem Diener Notuk, dem Hai: "Steh auf und sieh, wer dieses Geräusch verursacht." Der Diener gehorchte. Er tauchte auf und sah das Boot, dessen Anker gerade auf dem Dache des Hauses lag. Er kehrte zu seinem Herrn zurück und berichtete, was er gesehen hatte. Nugunaks schickte ihn zurück und trug ihm auf, den vier Männern zu befehlen, den Anker fortzunehmen. Der Diener gehorchte. Er schwamm zum Boot und klopfte daran. Die Männer erwachten von dem Geräusch, und Tseremsaaks fragte den im Bug des Boots sitzenden Mann: "Wer verursacht dieses Geräusch?" Der Angeredete blickte ins Wasser und sah den Fisch, der beständig gegen das Boot schlug. Er sagte: "Es ist ein Haifisch." Tseremsaaks versetzte: "So fang ihn und wirf ihn weit fort." Sein Schwager tat also, und der Fisch schwamm zu seinem Hause zurück. Er berichtete dort: "Tseremsaaks hat mich nicht verstanden. Sie haben mich hart angefasst und weit fortgeworfen." Nugunaks sandte ihn nochmals hinauf und wieder klopfte er an das Boot, um sich verständlich zu machen. Da wurde Tseremsaaks zornig und sprach zu seinem Schwager: "Nun fange den Fisch und mache ihn tot." Der Schwager fing ihn, riss ihm die Vorderflossen aus und warf ihn wieder ins Meer. Der Hai schrie jämmerlich, eilte zu Nugunaks und klagte: "Oh! Tseremsaaks hat mir die Arme ausgerissen." Da hieß ihn Nugunaks  sich niederlegen. -

Es war nun alles still, und die vier Männer schliefen. Nugunaks aber ging mitten in der Nacht aus, ergriff das Boot und zog es auf den Grund des Meeres hinab. Links vor der Haustür setzte er es auf den Boden. Die vier Männer aber schliefen ruhig weiter. Dem im Bug des Bottes sitzenden Manne träumte morgens, es regne, und das Wasser tropfe ihm beständig ins Auge. Er erwachte und erblickte erstaunt das fremdartige Haus, glaubte zu träumen und rieb sich die Augen. Als er sie aber wieder öffnete, das Haus immer noch sah, die Leute sprechen und das Feuer knistern hörte, wusste er nicht, wie ihm geschehen war. Er versuchte, das Boot in Schwankungen zu bringen, merkte aber, dass sie festsaßen. Da weckte er Tseremsaaks und rief: "Siehe, jemand hat uns ins Wasser hinuntergezogen." Nun erwachten alle und sahen sich erstaunt um.

Nugunaks aber freute sich, dass die Leute bei ihm waren.Er ließ seine Diener, die Fische, Holz spalten, Feuer machen und das Haus reinigen. Dann schickte er einen Diener zu den Männern und ließ sie einladen, ins Haus zu kommen. Als sie eintraten sahen sie, dass das Haus viele Stufen hatte. Sie zitterten vor Furch, denn sie bemerkten, dass es ganz mit Fischen bemalt war und dass viele schreckliche Wesen darin wohnten. Nugunaks aber lud sie freundlich ein, näherzutreten, und sprach zu Tseremsaaks: "Du sollst mein Bruder sein." Er schenkte ihm seinen Mantel, der ganz aus Seegras gearbeitet war, und forderte ihn auf, zwei Tage dort zu bleiben., Tseremsaaks aber wollte ein Gegengeschenk machen, und bat einen seiner Schwäger, die Kiste zu holen, welche in dem Boot stand und in der Bergziegenfett, Farbe und eine Feder zum Bemalen des Gesichts lagen. Diese gab er Nugunaks, welcher sie dankbar annahm und aus dem wenigen Fett, der wenigen Farbe und der einen Feder sehr viel machte. Dann lud er alle Häuptlinge, die mit ihm unten im Meere wohnten, zu einem großen Feste ein. Ehe sie eintraten, legten sie ihren Tanzschmuck an und verwandelten sich in Fische. Nugunaks schenke einem jeden Bergziegenfett, Farbe und eine Feder und sprach dann zu Tseremsaaks: "Nun gib acht, was hier geschieht." Plötzlich drang das Wasser ins Haus ein, und die Fische fingen an zu tanzen. Selbst Tseremsaask Kahn und der Stuhl, auf dem er saß, tanzten. Als der Tanz zu Ende war, verlief sich das Wasser. Dann beschenkten Nugunaks und all die anderen Häuptlinge Tseremsaaks und befahlen ihm, alles, was er gesehen habe, auf der Oberwelt nachzumachen. Abends setzten die vier Männer sich wieder ins Boot, und als sie fest schliefen, brachte Nugunaks das Boot an die Oberfläche des Wassers zurück. Frühmorgens, als der Mann im Bug des Bootes erwachte, fühlte er, dass es auf dem Wasser schaukelte. Er weckte seine Brüder und seinen Schwager und rief: "Seht, was mit uns geschehen ist." Sie erwachten alle, sahen, dass sie wieder auf der Oberfläche des Wassers waren, und merkten, dass das Boot schaukelte. Als sie sich umblickten, wurden sie gewahr, dass Tang und Seegras auf ihren Körpern, ihren Kleidern und auf dem Boote festgewachsen waren. Sie fuhren nach Hause zurück, aber dort erkannte sie niemand. Man hatte sie für tot betrauert, denn nicht zwei Tage, sondern zwei Jahre waren sie auf dem Grunde des Meeres gewesen.