Der Straßenfußballer

 

von Martin M.

 

Kapitel 1: Lucas Geschichte

 

„Wow, ganze 8 Euro!“, jubelte Luca über seine verhältnismäßig große Ausbeute. Luca Fernando verdiente sein knappes Taschengeld durch den Straßenfußball. Er war gerade mal zehn Jahre alt, und konnte schon kicken wie ein waschechter Fußballprofi. Viele Stars und Legenden entdeckten so ihr großes Talent.

Genau genommen ist der Straßenfußball alles was Luca noch blieb. (Abgesehen von dem grünen Ball, den ihm sein Vater schenkte als er vier Jahre alt war.)

Unglücklicherweise starben seine Eltern bei einer schweren Flugzeugkatastrophe. Leider wollte sich niemand dazu bereiterklären, Luca aufzunehmen. Jedoch fand er gute Freunde: die Zwillinge André und Roberto. Später zogen die Freunde aus Madrid nach Sevilla, weil ihre Eltern dort eine neue Arbeitsstelle gefunden hatten. Nun war Luca auf sich allein gestellt.

Mittlerweile marschierte er durch die heiße Abendhitze Madrids und ging dabei an Sergios Pizzaladen vorbei. Hier drin schaute er sich normalerweise spannende Fußballspiele im Fernsehen an. Wo wir gerade schon beim Thema sind: Lucas großes Vorbild war Cristiano Ronaldo.

 

Wenn er doch nur einmal die Möglichkeit hätte, im sehenswerten Madrider Stadion zu sitzen und ihm zuzuschauen, wie er geschickt die gegnerische Mannschaft durchdribbelt . . .  „Ah, wie schön das nur wäre.“, schwärmte Luca über seine Gedanken. An seiner alten Hütte angekommen, ging er durch das wohl baufälligste Haus der Stadt und legte sich auf die kahle Matratze.

Er blickte durch ein großes Loch auf den klaren Nachthimmel und sah, wie die Sterne und der Mond hell aufleuchteten. Müde dachte er an seinen Vater. Er hatte immer gesagt, dass man an seinen Traum glauben sollte. Mit diesen Gedanken schlief Luca langsam ein.

 

Kapitel 2: Bitte keine Abschaffung!

 

Am nächsten Tag war es ruhiger auf den Madrider Straßen. Just schnappte sich Luca seinen Ball und seine Kappe. Als nächstes zog er sich sein löchriges Hemd über und machte sich auf den Weg nach draußen in der Hoffnung, er würde einen guten Platz finden, um Madrid seine Fußballtricks zu zeigen.

Aber irgendetwas stimmte nicht. Nur was war das? Doch die Antwort auf diese Frage ließ nicht lange auf sich warten. Plötzlich hörte Luca eine leise Stimme, die ihn hinter den kleinen Supermarkt führte. Nun erscholl die klangvolle Stimme lauter: „So kann das einfach nicht weitergehen. Es werden immer mehr Beschwerden gemeldet.“

Sein Bauchgefühl ließ ihn nichts Gutes erahnen. Vor einer kleinen Bühne bildete sich eine große Menschentraube inklusive Presse. Luca bahnte sich einen Weg in die zweite Reihe. Jetzt wusste er, wer zu den Leuten sprach. Es war der Präsident der Ordnungspolizei Santiago Silva. „Viel zu viele Autoschäden werden durch ihn verursacht. Meiner Meinung nach sollte der Straßenfußball abgeschafft werden!“

Erst ging ein kurzes Raunen über das Publikum, doch dann stimmten einige Personen zu. „Jaaa!“ riefen diese lautstark. Luca gefiel das hingegen gar nicht. Für ihn ist der Straßenfußball so etwas wie ein Beruf. Er legte seine Kappe auf den Boden des Marktplatzes und fing an, sein Ding zu machen: Fußballspielen.

Mit der Zeit kamen Leute vorbei und warfen ihm Münzen in die Kappe. Das ist Straßenfußball. Aber, wenn es diesen in Zukunft nicht mehr geben wird, dann  . . . Nein. Soweit durfte es nicht kommen. Luca musste schnell etwas unternehmen. Mittlerweile liefen ihm schon die Tränen über die Wangen. Doch er nahm all seinen Mut zusammen und wollte dem kräftigen Präsident schon widersprechen, als er plötzlich seine besten Freunde André und Roberto abseits des Marktplatzes entdeckte.

Eilig rannte Luca auf die Zwillinge zu. Und zu seiner Verwunderung waren diese nicht wirklich glücklich ihn zu sehen, sondern eher traurig und enttäuscht. „Uff! Was macht ihr denn hier?“, fragte Luca die beiden lächelnd. „Was geht dich das an?“, zischte Roberto zurück. Nun wollte Luca unbedingt wissen: „Aber wieso denn so böse? War ja nur eine Frage und außerdem: Was ist mit euch passiert? Ich merke doch, dass etwas nicht mit euch stimmt. André starrte Luca gebannt in die Augen, ohne auch nur mit einer einzigen Wimper zu zucken.

 

Mittlerweile hatten die Zuschauer sich vom Präsidenten der Ordnungspolizei abgewandt, und der Platz um die drei herum füllte sich mit Schaulustigen. Noch immer hatten weder Luca noch die Zwillinge die Sprache wiedergefunden und Luca glaubte Tränen in Andrés braunen Augen zu sehen. Dann begann Roberto plötzlich: „Hör zu Luca: Es ist nicht mehr alles so wie du denkst. Die Zeiten haben sich geändert. Der Straßenfußball ist am Aussterben!“

Roberto war schon ganz laut geworden: „Es tut mir leid das sagen zu müssen, aber: Ich sehe leider schwarz für den Straßenfußball. Schon bald wird er nicht mehr existieren und meiner Meinung nach ist es an der Zeit, dass auch du es begreifst.“ Mit diesen Worten nahm er Luca den bis jetzt immer noch unterm Arm geklemmten Ball weg, schoss ihn in hohem Bogen in einen Mülleimer und deutete auf ein großes gelbes Plakat, das an einer Wand hing: Straßenfußball verboten, war in schwarzen Buchstaben zu lesen.

Seinen Tag zusammengefasst: Luca hatte sowohl seine Freunde verloren, als auch seine Verbindung zum Straßenfußball.

 

Kaptiel 3: Rabenschwarze Tage

 

Luca lag müde im Bett. Er konnte in dieser Nacht lange nicht einschlafen, denn er musste die ganze Zeit an den gestrigen Tag denken. Auch, wenn Luca es nicht akzeptieren konnte, dass seine vielleicht ganz große Karriere den Bach herunterlief . . . Schlecht gelaunt sprang er auf. Diesen Gedanken konnte er einfach nicht zu Ende bringen.

An diesem Tag schnappte er sich ausnahmsweise Mal nicht seine Kappe, sondern spazierte kopfhängend nach draußen. Später kam Luca bei dem neuen Brunnen an und sah sich auf dem leeren Marktplatz um. Niemand war zu sehen und doch fühlte er sich beobachtet. Wenig später saß Luca auf dem feuchten Brunnenrand und ließ seine Beine ins kalte Wasser baumeln. Er fühlte sich deprimiert, leer und verloren. Nach einigen Minuten schob er diesen Gedanken beiseite und dachte stattdessen nochmal an seinen Vater. Er hatte immer gesagt: Man solle sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. „Warte mal!“ Sein Schicksal selbst in die Hand nehmen . . . „Das ist es!“, jubelte er und sprang gleichzeitig auf, zog seine Schuhe und Socken wieder an und fragte sich, wieso er nicht schon früher auf diese Idee gekommen war.

 

Kapitel 4: Man muss an seinen Traum glauben!

 

Luca rannte so schnell wie er konnte zurück zu seiner heruntergekommenen Hütte, schnappte sich seinen Ball und stolperte zum großen Fußballplatz seines Bezirks. Dort entdeckte er eine ganze Fußballmannschaft mitsamt einem braun gebrannten Trainer. Luca ging auf ihn zu und fragte entschlossen: „Darf ich eurer Mannschaft beitreten?“ Nun drehte sich der Südamerikaner um und antwortete: „Tja weißt du .. . . Zu unserer Mannschaft kann man erst gehören, wenn man auch wirklich das Zeug dazu hat. Denn, wenn ich ehrlich bin, siehst du nicht wirklich danach aus.“ Er musterte Luca von seinem löchrigen Hemd hin bis zu seiner zerkratzten Sporthose. Luca lief schnell auf das unbesetzte Tor zu, legte sich den Ball jedoch neben der rechten Eckballfahne zurecht und fragte den Trainer mutig: „Ein Eckballtor würde Sie doch bestimmt überzeugen, oder?“ „Mach dich nicht lächerlich“, erwiderte der Trainer „Du wirst doch nie im Leben.  ..“ Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment schoss Luca den Ball wunderschön mit der Innenseite seines Fußes leicht gedreht in die linke untere Ecke. Der gesamten Mannschaft und dem Trainer standen die Münder weit offen: So einen Schuss hatten sie noch nie zuvor gesehen.

Nachdem der Trainer Luca alle Spieler der Mannschaft vorgestellt hatte, fing sein erstes richtiges Training an. Am Anfang mussten sich die Spieler warmlaufen, was Luca sehr langweilig fand. Doch dann ging es richtig los, und zwar mit einer Schussübung. Ein sehr freundlicher, erfahrener Spieler erklärte diese Luca. Man musste sich in eine Schlange stellen und nacheinander aufs Tor schießen. Vier von fünf Schüssen von Luca zappelten im Netz. Auch im Endspiel schnitt Luca hervorragend ab. Mit zwei Vorlagen und drei Treffern war er der „Man oft he Match“. Als das Training schließlich vorbei war, entdeckte Luca auf einmal einen mysteriösen Mann mit Stift und Notizheft in der Hand. Aber wer waren nur die zwei Gestalten dahinter? Plötzlich meinte die eine: „Ja genau, das ist er!“ Der komische Mann im Sakko lief entschlossen auf Luca zu. Dieser wusste nun nicht, was er tun sollte und spürte erst jetzt wie müde er war. Der mysteriöse Mann war mittlerweile bei ihm angekommen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Bevor Luca fragen konnte, was hier eigentlich los war, sprach der Mann ihn an: „Guten Tag, junger Mann. Mein Name ist José. Ich bin von Beruf her Scout. Weißt du, was so jemand macht?“ Luca schüttelte heftig den Kopf. „Ein Scout sucht immer wieder neue Talente für seinen Verein. Er befragt die Spieler, ob sie talentierte Geschwister, Freunde oder Verwandte haben, die gut Fußball spielen können. Diese zwei, zum Beispiel, haben mir von dir erzählt.“ Er zeigte auf die zwei Gestalten, die jetzt näher zum Gespräch herantraten. Luca konnte es kaum fassen, wen er da sah: Es waren André und Roberto! Luca war so überglücklich, dass er beide umarmen musste. In diesem Moment verkündeten sie feierlich: „Herzlichen Glückwunsch! Du gehörst jetzt zum Jugendverein von Madrid.“ Schließlich ließ er die zwei Freunde los. Ihr Streit war also in Vergessenheit geraten. Von diesem Tage an wusste Luca: Nur wenn man fest an seinen Traum glaubt, geht er in Erfüllung. Nun hatte Luca sein großes Ziel erreicht.