Der Zigeuner als König

 

Es war ein König, der hatte eine Tochter, die keinen Mann nehmen wollte. Ihr Vater sprach zu ihr, sie solle doch einen Mann nehmen, der würde dann sein Nachfolger werden, er selbst sei zu alt zum Regieren.
Da meinte seine Tochter: "Verkünde: Wer die Birne von unserem Baum herabwirft, der soll Thronfolger werden und ich seine Frau."
Der König gab also bekannt, dass alle Männer herbeikommen sollten. Da kamen Grafen und Prinzen. Sie konnten jedoch die Birne nicht herabwerfen.
In der Nähe aber wohnte ein Zigeuner mit seiner Frau. Die kochte ihm immer Grießbrei. Auch er ging hin und sah, wie sie nach der Birne warfen, aber keiner konnte sie herunterholen. Er ging  wieder nach Hause und sagte zu seiner Frau: "Gib mir ein wenig Grießbrei zu essen." Die Frau antwortete: "Es ist nichts mehr da, die Kinder haben ihn aufgegessen."
Er wurde  böse und sagte: "Dann verlasse ich dich und nehme eine andere", ergriff einen Hammer, eilte weg und warf ihn nach der Birne. Da fiel die Birne herab. Die Diener nahmen ihn, kleideten ihn an, und er ward Thronfolger.
Dann brachte man ihm zu essen und zu trinken. Er aber schämte sich und aß nicht, sondern lief am Tage in den Garten und füllte sich die Tasche mit Stachelbeeren. Des Nachts aber, als er sich schlafen legte, aß er heimlich die Stachelbeeren.
Seine Frau jedoch fragte ihn: "Was isst du?" - "Ich esse Zucker." - "Gib mir auch." - "Ich geb dir nichts."
Am anderen Tage ging er auf einer Straße spazieren und traf einen Handwerksburschen und sprach zu ihm: "Wir wollen unsere Kleider tauschen!" Der Handwerksbursche hatte Angst und sagte:: "Ich kann nicht mit dir tauschen, denn du bist ja König."
"Wenn du nicht tauschst, schneide ich dir den Hals ab." Da begann der Handwerksbursche seine Kleider auszuziehen. Der König zog sie sogleich, während jener die des Königs anzog. Dann ging der Handwerksbursche in die Stadt und ward König.
Der Zigeuner aber ging zu seiner Frau zurück und gab ihr die Hand. Sie fragte ihn: "Bist du wiedergekommen, Mann?" - "Ich bin wieder zurückgekommen, was soll ich mit der anderen? Bring mir doch ein wenig Grießbrei, den ich so gern esse."
Da kochte sie wieder für ihn Grießbrei. Nach einer Weile verlangte er wieder  Grießbrei zu essen. Die Frau aber sagte zu ihm: "Ich habe nichts mehr; die Kinder haben alles aufgegessen."
Wieder wurde er sehr böse und sagte er: "Dann gehe ich wieder zu der andern. Ich bin ja König."
Also ging er. Aber man glaubte ihm nicht und wollte ihn totschlagen. Da rannte er heim und blieb ein Zigeuner sein Leben lang.

 

Aus: "Die schönsten Märchen der Welt für 365 und einen Tag" gesammelt und herausgegeben von Lisa Tetzner