Lass die Vergangenheit ruh‘n

   

„Bitte lächeln“, sagte ich und drückte den Auslöser. Es summte, als das Polaroid-Bild aus der Kamera kam und sofort kam Kenzie zu mir gelaufen und wollte sich das Bild anschauen. Als sie enttäuscht sah, dass das Bild sich noch nicht fertigentwickelt hatte, erklärte ich ihr lachend: „Ach Kenz, wir haben doch schon so viele Sofortbilder zusammen gemacht, du solltest wissen, dass es noch kurz dauert, bis das Bild fertig ist.“ Sie antwortete nicht, weil sie fasziniert zuschaute, wie die Farben auf dem Bild immer intensiver wurden. Man konnte bereits das Motiv erkennen. Eine strahlende Kenzie und neben ihr ihre ebenso lächelnde Mutter Melissa. Kenzie trug ein wunderschönes, weinrotes Abendkleid, welches am Oberteil mit Pailletten und glitzernden Steinen besetzt war und funkelte, sobald sie sich bewegte. Ihre Mutter, die früher beim Militär gewesen war und die ich deshalb scherzhaft ‚Military Mel‘ nannte, hatte einen dezenten schwarzen Hosenanzug an. Ich selber trug ein schulterfreies, nachtblaues Kleid, das bis zum Boden reichte. Genau dieses Kleid hob ich jetzt ein Stückchen an, damit ich zu Military Mel gehen konnte. Ich hielt ihr meine Kamera hin und fragte, ob sie ein Bild von Kenzie und mir machen könne. „Aber klar“, sagte sie. Also zog ich Kenzie am Arm und löste so ihre Aufmerksamkeit vom inzwischen fertigen Foto. „Komm: wir machen noch ein Foto. Das von deiner Mom und dir kannst du behalten“, forderte ich sie auf und tatsächlich war sie sofort Feuer und Flamme. Als wir fotofertig dastanden, unterbrach uns eine Stimme von hinten. „Das glaube ich jetzt nicht! Schämt euch, dass ihr einfach so ohne mich ein Foto machen wollt, dabei wisst ihr genau, wie sehr ich diese Dinger liebe!“  Eigentlich musste ich mich gar nicht umdrehen, um zu wissen, wem die Stimme gehörte, aber natürlich tat ich es trotzdem und sah Tyler Armstrong – Kapitän des Football Teams der Schule, unverschämt gut aussehend und mein bester Freund. Ich lief auf ihn zu, um ihn zu umarmen und stolperte dabei prompt über den Saum meines Kleides.  Die Umstehenden lachten, aber Tyler fing mich auf und umarmte mich. „Ich hab dich vermisst, du kleiner Tollpatsch“, flüsterte er mir ins Ohr. Klein traf zwar nicht wirklich zu – ich war knapp 1,70 Meter groß, trotzdem überragte er mich um mehr als einen Kopf. Aber leider hatte er mit Tollpatsch nicht ganz Unrecht. Die Stolperaktion war nur ein weiterer Beweis dafür und generell verging kaum ein Tag, an dem ich mir nicht den Kopf irgendwo anstieß, volle Gläser mit Saft umstieß oder, so wie gerade eben, stolperte oder hinfiel. Doch ich ignorierte diese Tatsachen und flüsterte zurück: „Ich dich auch.“ Und dann war auch schon Kenzie da, sie warf sich förmlich auf uns. „Da ist er ja, der King. Mister Armstrong, schön Sie wieder in der Heimat begrüßen zu dürfen.“, lachte sie. „Die Sonne scheint Ihnen gut getan zu haben.“ Das stimmte. Tyler war noch braungebrannter als vor sechs Monaten. Kein Wunder, denn dieses halbe Jahr hatte er im australischen Sommer verbracht. ‚Hilfe zum Selbstfindungs- und Reifeprozess‘ hatte sein Vater es genannt. Tyler bevorzugte jedoch den Begriff ‚Strafurlaub‘, denn keiner von uns war begeistert gewesen, als Mister Armstrong Senior seinem Sohn von seinem Plan erzählt hatte.  Sechs Monate waren schließlich eine endlose Zeit, wenn man sich nur über das Internet unterhalten und sehen konnte. Offensichtlich hatte es ihm aber nicht geschadet, trotzdem war ich froh, dass er endlich wieder zu Hause war.

„Ich freue mich auch, wieder da zu sein. Aber könntest du jetzt von mir runtergehen? Oder willst du mich direkt nach der glorreichen Heimkehr erdrücken?“, keuchte er mit einem Grinsen im Gesicht in Kenzies Richtung. „Das wäre jammer­schade, vor allem, weil ihr so gut ausseht und auch noch extra für mich einen Ball organisiert habt.“ Kenzie war von uns runtergerutscht und mittlerweile konnte auch ich wieder gut atmen. Ich wollte gerade etwas zu Tyler sagen, doch Kenzie kam mir zuvor. „Also erstens siehst du auch nicht übel aus und zweitens solltest du mal etwas dankbarer sein. Der Ball ist zwar nicht explizit für dich, aber es hat mich sehr viel Überzeugungsarbeit und Augenklimpern gekostet, deinen Vater zu überreden, dich vor Ablauf deines Straflagers nach Hause zu holen.“, plapperte sie los, „und es freut mich natürlich außerordentlich, wenn der Homecoming-Ball dir gefällt.“  Ein Homecoming war das auch im wahr­sten Sinne des Wortes. Heute war der erste Tag des neuen Schuljahres und wie die Tradition es wollte, fand heute der Ball statt. Niemand hatte mit der verfrühten Rückkehr von Tyler gerechnet und umso mehr fragte ich mich, wie Kenzie es geschafft hatte, Tylers Vater zu dieser Entscheidung zu bewegen. Während ich noch überlegte, bemerkten immer mehr Menschen, was los war. Fast das gesamte Football-Team kam zu uns und grölte laut Tylers Namen. Spätestens jetzt wusste auch wirk­lich jeder Bescheid. Also gut, wir warteten, bis es wieder einigermaßen ruhig geworden war und die meisten Leute wieder tanzten. Endlich konnten wir uns von Military Mel fotografieren lassen und nutzen die Gelegenheit, um gleich drei Fotos zu machen. Für jeden von uns eins. Den restlichen Abend lang konnte man uns kaum getrennt sehen, immerhin waren wir jetzt Seniors an der High-School und nächstes Jahr würden wir vermutlich alle an unterschiedlichen Universitäten studieren. Mein Traum war es, Meeresbiologie zu studieren, nur müsste ich dafür sehr wahrscheinlich von zu Hause weggehen. Doch das spielte heute Abend keine Rolle, wir waren zusammen und das war alles, worauf es im Moment ankam. Auch ganz am Schluss, als die meisten schon gegangen waren, lauschten wir noch gespannt Tylers Erzählungen aus Australien.

 

Irgendwann beschlossen auch wir zu gehen. Es war weit nach Mitternacht und Tyler war der einzige, der ein Auto dabeihatte. Also fuhr er uns nach Hause und setzte zuerst Kenzie vor ihrem großen Haus ab. Sie wurde dort von einem Nachtwächter in Empfang genommen und Tyler seufzte. „Tja, Präsidenten­tochter­vorteil. Ich hätte auch gerne Bodyguards und sowas. Aber egal, das ist bestimmt voll nervig, ständig jemanden dabei zu haben.“ Das konnte ich bestätigen, Kenzie hatte mir schon oft erzählt, wie öde und langweilig es manchmal war, wenn man nichts machen durfte. Es konnte ja etwas Schlim­mes passieren. Aber dafür hatte eben auch nicht jeder die zukünftige Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika als Mutter. Und deshalb stimmt Präsidententochter auch nicht ganz, jeden­falls noch nicht. Gestern waren die Wahlen  und Military Mel war die klare Favoritin gewesen . Ob­wohl das Ergebnis noch nicht öffentlich war, wuss­ten wir es schon, denn wir gehörten praktisch zur Familie. Wir waren schon immer beste Freunde  und Melissa war wie eine zweite Mutter für uns. Für Tyler war sie sogar die einzige, seine leibliche Mutter war nach Afrika gegangen, um dort armen Menschen zu helfen und dann einfach dort geblie­ben.

Das war vor 14 Jahren. Tyler hatte also kaum eine Erinnerung an sie. Aber es heißt ja immer, dass Freunde die Familie sind, die man sich aussucht und das traf in diesem Fall zu. Wie gesagt, obwohl Military Mel so gut wie die mächtigste Frau der Welt war, hatte sie beschlossen mitzukommen. Sie wolle den letzten Homecoming-Ball ihrer Tochter nicht verpassen, hatte sie gesagt. Außerdem sehe sie in einem Haufen pubertierender Jugendliche keine Gefahr und deshalb war nicht mal ein Bodyguard als Babysitter dageblieben. „Mhmm“, seufzte ich, „so schnell kann’s gehen. Erst nur die coole Mutter von nebenan, dann Verteidigungsministerin und jetzt Präsidentin . . . das ist schon krass.“ Ich blickte aus dem Fenster und sah Straßenlaternen an uns vorbeiziehen. Ihr Licht schien gelblich und ver­schwamm mit dem fast schwarzen Blau des Nacht­himmels. „Weißt du eigentlich inzwischen, was mit Kenzies Vater passiert ist?“, fragte ich Tyler. Wir hatten eigentlich noch nie über ihn gesprochen, aber während des Wahlkampfes hatte es in einer Zeitung einen kritischen Kommentar zu ihm und Melissa gegeben. Er schüttelte den Kopf, also begann ich zu erzählen.“ Kenzie hat es mir vor ein paar Wochen erzählt, sie hat es noch nie erwähnt, weil sie kein Mitleid oder so wollte, aber nach dem Zeitungsartikel habe ich nachgebohrt. Jedenfalls haben ihre Eltern sich ja scheiden lassen, als sie noch ganz klein war. Und als ihre Mom dann Verteidigungsministerium wurde, war ihr Dad super neidisch, er wollte immer Politiker werden, hat’s aber nicht so richtig geschafft. Und als Melissa dann eine Rede gehalten hat über . . . ach keine Ahnung mehr – ist auch nicht so wichtig, na ja, da ist bei ihm ne Sicherung durchgeknallt. Er hatte eine Waffe dabei und hat damit auf Mel geschossen. Zum Glück hat ein Bodyguard sich vor sie geworfen, sonst . . .“, ich brach kurz ab. „Also, er lebt noch, aber er wurde schwer verletzt. Ihr Dad war davon irgendwie so geschockt, dass er sich auf der Veranstaltung das Leben genommen hat. Ich meine, er wollte seine Ex-Frau töten . . .“, ich redete nicht weiter. Ich sah Tyler an, doch er starrte nur stur geradeaus. Ich konnte sehen, wie nah ihm die Geschichte ging. Auch, wenn er nicht so aussah, war er ein sehr mitfühlender Mensch. Er war es aber schließlich, der das Schweigen brach: „Jetzt verstehe ich, warum sie sich so für verschärfte Waffengesetze einsetzt. . . .“Ich muss dir übrigens auch noch etwas erzählen . . .“ Hoffentlich war es nichts Schlimmes, aber das konnte eigentlich nicht sein, Tyler hatte den ganzen Abend lang so unbeschwert gewirkt, da war es sicher nur noch eine Story aus Australien, die ihm gerade eingefallen war. Außerdem waren wir fast bei mir zu Hause. „… also, als ich in Australien war, da hat mich so ein komischer Typ angesprochen. Der wollte wissen, wo ich herkomme, was ich hier mache und sowas. Wie gesagt, der war richtig komisch, also bin ich abgehauen. Aber ein paar Tage später bekam ich so eine E-Mail. Wieder Fragen über mich und diesmal auch, ob ich eine gewisse Kenzie Sanchez kennen würde. Das war schon ein bisschen gruselig, weil ich eigentlich niemandem von Kenzie und dir erzählt hatte. Nimm das nicht persönlich, aber ich wollte einfach nicht, dass man mich über euch ausfragt. Ich meine, wessen beste Freundin ist schon die Tochter der zukünftigen Präsidentin. Und wessen allerbeste Freundin ist schon Lily Mitchell? Und zwar genau die Lily Mitchell, die der absolute Champion im Tauchen ist? Tja, das ist schon . . .“

 

Ich unterbrach ihn: „Also Ty, der absolute Champion bin ich nicht und du bist außerdem gerade an mei­nem Haus vorbeigefahren. Du hast doch nicht ver­gessen, wo ich wohne, oder?“, fragte ich scherzhaft. Doch ein Blick in Tylers Gesicht verriet mir, dass er nicht zu Scherzen aufgelegt war. „Ty, was ist los? Warum hältst du nicht an?“ „Lass mich einfach wei­ter­erzählen. Also zuerst fragten sie nach Kenzie, dann irgendwann auch nach dir. Ich ignorierte die Mails so gut es ging, doch sie fingen an, mich zu bedrohen und zu erpressen. Auch mit Briefen.“ Ich wollte fragen, wer ‚sie‘ waren, aber Tyler sprach schnell weiter. „Vor etwa einer Woche kam dann ein Brief, in dem sie drohten, meinem Dad etwas anzutun. Inzwischen war ich sogar bereit dazu gewesen zur Polizei zu gehen, auch wenn das bedeutet hätte, möglichweise noch länger weg zu sein. Aber nach dem Brief mit Dad konnte ich es nicht tun. Ich war nur froh, als er mir mitgeteilt hat, dass ich früher nach Hause könne. Vielleicht hörten die Briefe dann auf. Ich war so erleichtert, als ich gesehen habe, dass es ihm und auch euch gut geht. Aber dann kam die Forderung.“ Inzwischen fuhren wir nur noch langsam und schließlich hielt Tyler ganz an. Er sah mich nicht an und fuhr leise fort. „Sie wollen uns beide. Dich und mich. Und diesmal stand sogar etwas ‚Persönliches‘, wenn man es so nennen kann, in dem Brief. Er war unterzeichnet von einem gewissen Dylan Adams. Er schrieb, dass du wüsstest wer er ist.“   Er schaute mich jetzt direkt an: „Kennst du ihn, Lily?“ Ich schluckte. „Ich kenne ihn nicht, das wäre zu viel gesagt, aber … ich weiß, wer er ist. Es ist der Bodyguard, der damals angeschossen wurde. Nach dem Schuss wurde er in ein Krankenhaus eingeliefert, aber er hat gekündigt und wurde nie wieder gesehen.“ Mit heiserer Stimme redete ich weiter „Kenz hat seinen Namen nur am Rande erwähnt, weil sie ihn so lustig fand. Aber . . . woher weiß dieser Typ das alles? Oh mein Gott, er muss uns schon ewig ausspioniert haben und wir haben nichts gemerkt. Deshalb hast du auch von ‚ihnen‘ geredet, du bist natürlich draufgekommen . . . . Nur was ich nicht verstehe, warum schreibt er dir E-Mails nach Australien? Und außerdem das war doch schon vor über zehn Jahren und . . . “ Ich wurde immer schneller und Tyler legte mir beruhigend die Hand auf den Arm. „Beruhig‘ dich.“ Meine Stimme war sowieso viel zu hoch geworden und ich merkte, dass ich Angst hatte. Wir standen immer noch am Straßenrand und das Licht einer einzelnen Laterne fiel ins Auto. „Lil, es wird alles gut.“ Wenn Tyler meinen zugegebenermaßen sehr kreativen Spitznamen benutzte, wusste ich, dass er es ernst meinte und dass es wichtig war. Ich sah ihm in die Augen und zuckte dann heftig zusammen, weil jemand von außen gegen das Fenster schlug. „Aussteigen!“, rief eine tiefe Stimme so laut, dass wir es sogar durch die geschlossenen Türen hindurch hörten. „Bleib ruhig und zeig ihm deine Angst nicht. Ich bin bei dir, Lil. Wir schaffen das zusammen!“, flüsterte Tyler, dann löste er seinen Gurt und öffnete langsam die Fahrertür. Ich tat es ihm nach und unterdrückte das Zittern meiner Hände. ‚Ich schaffe das. Zusammen mit Ty‘,  redete ich mir ein. Ich stieg aus dem Auto und war überrascht, wie warm die Luft war. Doch das einzige, was meine Aufmerksamkeit fesselte, war der große, breitgebaute Mann, der neben Tyler stand und mit etwas durch die Luft fuchtelte. Das Etwas war eine Pistole.

„Du!“ Seine Stimme verursachte eine Gänsehaut, die sich über meinem ganzen Körper verbreitete. „Du, komm her.“ Er zeigte mit seiner Waffe auf mich.

Langsam ging ich auf ihn und Tyler zu, immer darauf bedacht, nicht auf mein Kleid zu treten, das ich immer noch trug. Meine Stimme zitterte, doch ich ließ mich nicht beirren: „Was wollen Sie?“ fragte ich den Mann, der wohl Dylan Adams sein musste. Er lachte: „Was ich will? Ganz einfach. Rache.“ Mittlerweile war ich bei Tyler angekommen und nahm schnell seine Hand. Sie war angenehm kühl und ich fühlte mich sofort etwas sicherer. „Rache wofür?“ Tylers Stimme klang nicht so selbstbewusst wie sonst. „Wofür? Das ist einfach. Für all die Schmerzen, die Melissa Sanchez mir angetan hat.“ Adam spuckte ihren Namen förmlich aus. „Als ihr verrückter Ex-Mann auf sie geschossen hat, hab ich mich vor sie geworfen, ist ja mein Job gewesen. Hab’s überlebt, wie ihr seht.“ Er lachte kurz und trocken. „Überlebt, wie schön, aber von Leben kann keine Rede sein. Seit diesem Tag kann ich nichts mehr tun. Die Kugel hat mich direkt am Oberschen­kel erwischt, laufen ist eine Qual. An den schlimm­sten Tagen muss ich sogar im Rollstuhl sitzen. Und jetzt will ich Melissa auch wehtun. Und wie könnte ich das besser, als mit den zwei besten Freunden von ihrer geliebten Tochter, die ja selbst wie eigene Kinder für sie sind? Tut mir ja schon leid, hübsch seid ihr schon. Aber naja, Rache ist schön.“ Der Typ hatte doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ihm war körperlich wehgetan worden, und jetzt wollte er Melissa seelisch schaden, indem er uns umbrachte? Das war doch krank. Aber ich sah an dem kalten Glanz in Adams Augen, dass er es ernst meinte und meine Angst wuchs. Tyler drückte meine Hand, so als wüsste er, was in mir vorgeht. „So.“, Dylan Adams redete weiter, „dann lasst uns mal loslegen. Wer von euch ist denn der oder die Glückliche, der oder die den Tod des anderen nicht miterleben muss? Ich tendiere ja zu dir“, er schwenkte seine Waffe in Tylers Richtung, „du bist, glaub ich, so ein Beschützer-Typ. Bin gespannt, was die Kleine ohne dich machen wird. Ob sie betteln wird? Oh ja, das ist alles so aufregend.“ Wie bitte? Erstens war ich nicht klein und zweitens fragte ich mich, warum diese banale Sache mich nicht störte, immerhin sollte ich gleich sterben. Drittens war der Typ einfach nur ein Psychopath und viertens sollte ich mir lieber um Tyler Gedanken machen, der war nämlich drauf und dran, erschossen zu werden. Der hielt auch immer noch meine Hand, allerdings zitterte seine jetzt auch ein wenig. Und urplötzlich ließ er meine Hand los und stieß dem Ex-Bodyguard seinen Fuß heftig gegen den Ober­schen­kel. Wir wussten nicht, an welchem er getroffen worden war, aber offensichtlich hatte Tyler den richtigen erwischt. Dylan Adams heulte auf und wir rannten los. Das war aber leichter gesagt als getan, weil ich immer noch das Kleid und zusätzlich hohe Schuhe anhatte. Tyler griff wieder nach meiner Hand und zog mich mit. Doch wir kamen nicht weit, denn ausgerechnet ich stolperte über eine Wurzel, die aus dem Boden ragte. Ich fiel der Länge nach hin und schlug mit dem Kopf auf. Tylers Hand ließ ich dabei los. Ich bekam nur noch mit, wie Dylan Adams wieder auf die Beine kam und wie Tyler versuchte mich hochzuheben. „Lil, bitte. Du musst aufstehen! Komm schon, bitte!“ Doch alles fühlte sich seltsam gedämpft an und es war, als würde alles auf einmal in Zeitlupe passieren. Ich merkte, wie jemand neben mir auf den Boden fiel, aber ich konnte nicht sagen, wer es war. Dann war da auf einmal Kenzies Stimme und ich hörte Tylers Vater etwas rufen, aber mehr bekam ich nicht mehr mit. Alles wurde schwarz und ich fiel in ein tiefes Loch