Peri und Ifrit  

orientalisches Märchen

aus: "An Nachtfeuern der Karawanserail" von Elsa Sophia von Kamphoevener


Peri = weiblicher Blumen- und Wassergeist

Ifrit = Luftgeist, ein guter Naturgeist

Padischah = Herrscher


Eine Peri und ein Ifrit hatten sich gegen das Gebot des Gehorsams vergangen und waren zur Strafe auf eine Wolke verbannt ... will sagen, die Peri auf eine und der Ifrit auf eine andere, zwischen sich die Weite des Himmels.

Es war ihnen als einzige Hoffnung genannt worden, dass ihre Befreiung von der Strafe darin liege, ein irdisches Paar zu finden, das sich in Liebe treu sei. Gelinge ihnen das, so würden sie sogleich wieder vereint sein. Nun aber saßen die zwei schone lange Zeit auf ihrer Wolke, und obgleich sie gesucht hatten und geforscht, ein treues Paar Liebender hatten sie nicht gefunden. Da verkündete der Ifrit, durch die Lüfte rufend, er habe einen Jüngling ausfindig gemacht, der schön und über die Maßen reizvoll sei. "Kannst du, o Peri, ein Mädchen finden, das ihm ähnlich schön ist, so wollen wir versuchen, ihn zu ihrem Lager zu bringen, und sie soll ihn erblicken wie im Traume ... könnte es nicht geschehen, dass sie diesem Traumbild Treue hielte? Ich bringe den Jüngling schlafend, du sage mir, wenn du das Mädchen fandest."

Es ist für eine Peri nicht schwer, die Schlummernden zu erblicken, denn wenn der Mensch schläft, ist er dem Reiche der Geister nahe; so konnte sie auch bald dem Ifrit zurufen, die Gesuchte sei gefunden, und schwebte hinunter zum Lager der schönen Schläferin. Von der anderen Seite her schwebte der Ifrit herbei, auf einem Teil seiner Wolke den Jüngling bringend. Waren sie nun auch einander räumlich nahe, diese zwei, standen sie auch nur so weit voneinander entfernt, wie es die Breite des Lagers erforderte, darauf das Mädchen ruhte, so vermochten sie es doch nicht, sich einander zu nähern. Sie konnten nicht zusammenkommen, denn zwischen ihnen stand ein unüberwindliches Etwas, das, wenn auch beweglich wie Wolkensaum, so doch undurchdringlich blieb.

Der Ifrit rührte den tief schlafenden Jüngling an, und er erwachte, wenn auch nicht so, dass er sich hätte erheben können. Er sah zur Seite und erblickte das schlafende Mädchen, das im Traume lächelte. Der Jüngling stützte sich auf einen Arm und schaute auf das liebliche Wesen neben sich. "Welch wunderbarer Traum", murmelte er kaum vernehmlich, "wie vollkommen und wie unbeschreiblich schön bist du, o Schläferin! Welcher Schwung der Braue, welch reine Stirn und ... ach, welch ein Mund! Von diesen Lippen und ihrer stummen Beredsamkeit ein Leben lang zu künden, wäre des Ruhms genug!" Da er sich näher zu der Schläferin beugte, berührte ihn der Ifrit aufs Neue, und der Jüngling sank zurück, wieder tief in Schlummer eingehüllt.

Nun rührte die Peri das Mädchen an, und dieses sah sich erstaunt um, entdeckte neben sich den Schläfer. Sie setzte sich ein wenig auf und flüsterte: "O mein Traum, o mein Padischah, wie schön, wie herrlich schön bist du! Dich gibt es unter lebenden Männern nicht, doch bleibe ich deine Sklavin, du herrliches Traumbild der Liebe, mein Sultan!" Schnell, ehe sich das Mädchen allzunahe zu dem Jüngling niederbeugte, wurde es von der Peri berührt und sank schlafend zurück.

In die Wolke gehüllt, brachte der Ifrit den Jüngling wieder zu seinem heimatlichen Lager, und die Peri flog hinauf zum Sitz ihrer Verbannung. Als der Ifrit auf seine Wolke zurückkehrte, rief ihn die Peri an, ob er wohl glaube, dass es einen Sinn gehabt habe, was sie taten? "Wer weiß", gab der Ifrit zur Antwort, "die Menschen sind seltsame Geschöpfe; möglich, dass sie einem Traumbild mehr Glauben schenken als der Wirklichkeit. Warten wir!"

Sie warteten. Und was geschah? Dieses: Der Jüngling war ein Dichter, und was er auch schrieb oder sang, alles pries die Schönheit seines Traumbildes, die Lieblichkeit des Mädchens, das er niemals berührte. Berühmt wurde er zugleich mit ihr, die er Lailah nannte und die von jungen Männern als das Vorbild weiblicher Schönheit gepriesen ward. Er selbst aber, der Dichter, konnte kein Weib umschlingen, ohne jenes Traumbildes zu gedenken, und niemals klang sein Liebesseufzer anders als "Lailah!"

Das Mädchen aber? Ja, das Mädchen hatte keine Wahl. Es wurde vermählt mit einem Manne, den die Mutter aussuchte, und war pflichtgetreu sein Weib. Geheim in sich verschloss sie das Bild jenes Traumgesichtes, geheim in sich fühlte sie sich dem gehörig, der sie niemals berührte. An des Mädchens Herz, an des Weibes Seele konnte keiner heran, denn sie blieben verschlossen, diese Serails der Geheimnisse, und wurden von einem bewohnt, der ein Traum aller Vollkommenheit war und blieb.

Droben auf ihren Wolken fragten sich die Peri und der Ifrit, was geworden sein mochte aus dem, was sie taten? Und wie sie noch so fragten und zweifelten, erhob sich ein gewaltiger Sturm, der warm war und duftend und ihre Wolken zusammentrieb. Aus dem Sturm hervor aber klang eine große, eine brausende Stimme, die des Genies, der sie einstmals bestrafte. Die Stimme sagte: "Törichte Kinder, was fragt und zweifelt ihr noch? Wisst ihr nicht, dass ihr ein Wunder vollbrachtet, da ihr zwei Menschen das Unerreichbare gabt? Da ihr der Welt der Menschen einen Dichter gabt und einer Frau ein ewiges Geheimnis? Das ist Treue, ihr, meine törichten Kinder, denn es vergeht nie."

Das Brausen verhallte, die Wolken schmolzen ineinander, und niemand weiß mehr, was aus diesen zweien wurde, es sei denn, ein Blumenduft und ein Wetterleuchten ...