Veronika

 

Zitternd saß er auf seinem Platz und starrte die Rückseite der Fahrerkabine an. Der Bus ruckelte als er über eine Straßenschwelle fuhr. Reiß dich zusammen, dachte er und starrte weiter nach vorne. Dort war ein seltsamer Fleck, ein bisschen wie Graffiti, aber doch ganz anders. Er konzentrierte sich ganz auf diesen Fleck, als wäre dieser der einzige Punkt, der ihn noch in dieser Welt verankerte. Der Bus stoppte an einer Ampel und die Durchsage sprang an. Er hörte nicht zu, aber er wusste, wo er aussteigen musste. Noch zwei Haltestellen und fünf Minuten Fußweg, solang musste er noch durchhalten. Du schaffst das, versuchte er sich selbst zu ermutigen. Trotzdem kamen ihm schon wieder die Tränen. „Entschuldigen Sie? Ist hier noch frei?“ Eine ältere Dame riss ihn aus seinen Gedanken. Mit aufgerissenen Augen starrte er sie an. Lächelnd wiederholte die Frau ihre Frage. Er reagierte immer noch nicht. In diesem Moment hielt der Bus an einer Haltestelle. Er sprang auf, griff seine Tasche und rannte so schnell er konnte zur Tür. Hier musste er nicht raus, aber er hielt es nicht länger im Bus aus. Er fiel in ein ruhiges Lauftempo und joggte weiter. Die Tasche mit seinen Sachen wog schwer, aber er wollte sie nicht zurücklassen. Er war außerhalb der Stadt, wo kaum noch Autos fuhren. Die Tränen vernebelten ihm allmählich die Sicht, aber er lief einfach weiter. Er kannte die Strecke, früher waren sie sie manchmal gegangen. Sie führte noch ein Stück an der alten Landstraße entlang, bis sie in einem größeren Waldstück endete. Und genau dorthin wollte er jetzt. Seine Pläne von vorhin hatte er über den Haufen geworfen. Die anderen würden nicht lange auf ihn warten. Seine Lungen brannten und seine Beine zitterten, doch er lief weiter. Vor ihm tat sich der Wald auf und verschluckte ihn.

 

Keuchend blieb er an einer Bank stehen und setzte sich schwer atmend. Kaum schloss er die Augen, kamen die Bilder zurück:  Sie tanzend und lachend, sie waren so glücklich zusammen gewesen. Warum hatte sie nicht auf ihn gehört? Warum hatte er sich nicht durchgesetzt? Dann säße er jetzt nicht hier. Alles wäre jetzt anders. Besser. Er vergrub sein Gesicht in den Händen. Bilder flackerten vor seinen inneren Augen und er hörte die Stimme seiner Mutter, so deutlich als stände sie neben ihm und flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist deine Schuld.“ Er fuhr auf und schrie: „Nein, ich bin nicht schuld! Es war ein Unfall!“ Die Stimme lachte: „Rede dir das nur weiter ein. Vielleicht glaubst du es irgendwann.“ Panisch schüttelte er den Kopf. „Nein, nein, nein!“, rief er immer wieder. Er wollte durchdrehen, nur damit die Stimme aufhören würde. Er rannte weiter, aber kam nicht weit. In seiner Panik übersah er eine Wurzel, stolperte und fiel zu Boden. Sein Kopf knallte gegen einen Baum. Blut floss über sein Gesicht. Wie betäubt blieb er liegen. Er konnte und wollte nicht mehr aufstehen. Jeder Muskel in seinem Körper wehrte sich, er wollte einfach nur liegen bleiben und sterben. Gerade als er diesen Gedanken gefasst hatte, beugte sich ein Gesicht über ihn. Es war ein älterer Mann, der ihm die Hand reichte und ihn langsam wieder auf die Beine zog.  Aus freundlichen blauen Augen  sah der Mann ihn an. Er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf und war nicht viel größer als der Junge selbst. Seine Hand war warm. „Das sieht nicht gut aus, Junge. Besser du kommst mal mit. Ich kann das verarzten.“ Der Mann führte ihn zu der Bank und setzte ihn hin. „Du wartest hier. Ich bin gleich wieder da.“ Er starrte dem Mann hinterher, wie er dem Waldweg folgte. Blut floss über sein Gesicht, aber er fand nicht die Kraft es wegzuwischen. Kurz schloss er die Augen und atmete tief ein und aus. Die frische Luft tat ihm gut, aber sein Kopf schmerzte so sehr und seine Hände zitterten unkontrolliert. Panisch hielt er sich an seiner Tasche fest. Hoffentlich würde der Mann wiederkommen. Dessen Anwesenheit hatte ihn beruhigt. „Da bin ich schon wieder.“ Der Mann kniete sich vor ihn und entfernte vorsichtig das Blut. „Das sieht schlimmer aus, als es ist. Ich werde es jetzt mit etwas Jod abtupfen. Es wird brennen, aber dann bleibt die Wunde sauber.“ Der Mann nahm sich ein weiteres Tuch und fragte: „Wie heißt du denn eigentlich, Junge?“ „Quin. Also eigentlich Quentin, aber alle nennen mich Quin.“ Der alte Mann schnaubte. „Warum sollte man einen so hübschen Namen verunstalten? Freu dich, dass er so selten ist. Ich heiße Peter, aber seit ich zehn bin, ruft mich jeder Pit.“ Eigentlich wollte Quentin ihm gerade für seine Hilfe danken, als er erschrocken zusammenzuckte. Der Mann tupfte seine Wunde mit Jod ab und es brannte höllisch. „Na, na na, ist ja gleich vorbei“, meinte Pit schmunzelnd. „So, jetzt noch ein großes Pflaster und du bist wieder wie neu.“ Quentin räusperte sich. „Danke für deine Hilfe, Pit, aber ich sollte wohl wieder gehen.“ „Lass mich raten: Familie, die auf dich wartet?“ Der Junge stutzte. Er überlegte kurz. „Nein. Keine Familie. Eigentlich ist da niemand, der warten würde.“ Ein Schatten legte sich auf sein Gesicht. „Nicht mehr“, murmelte er. „Was hältst du davon, wenn ich aus meinem Auto Kaffee hole, wir uns hier hinsetzen und du mir erzählst, warum ein junger Bursche wie du, keine Familie hat, die auf ihn wartet?“ Ohne Nachzudenken nickte Quentin. „Einverstanden.“ So machten es die beiden. Pit hatte sogar noch einige Kekse aufgetrieben, die aber steinhart waren, sodass sie diese in den Kaffee tauchen mussten. „Also, was machst du so alleine im Wald?“, fragte der Mann, nachdem er einen Schluck getrunken hatte. Quentin seufzte und rührte nachdenklich mit seinem Keks in der Tasse. „Ich bin weggerannt“, sagte er nach einer kleinen Pause. „Und wovor?“ „Vor … allem. Es ist etwas Schreckliches passiert und alle sagen, es ist meine Schuld.“ „Mhh“, machte Pit und wartete, dass Quentin weitersprechen würde. „Ich  …“ Quentin seufzte und schüttelte den Kopf. „Alles war so wunderbar in den letzten Monaten. Ich hab ein Mädchen kennengelernt, Lily. Sie ist so wunderschön. Lange braune Haare, das schönste Lächeln der Welt, einfach eine Traumfrau. Und sie mochte mich auch. Meine Mutter … Sie war seit langem wieder stolz auf mich. Sie gibt mir die Schuld daran, dass mein Vater weggegangen ist, weil sie schwanger wurde. Naja, auf jeden Fall hat sie Lily über alles geliebt. Wie jeder eigentlich, jeder mochte sie. Sie war schön, beliebt, lustig, ehrlich und eine gute Zuhörerin. Und sie war meine Freundin. Ich konnte es einfach nicht glauben. Alles war so wunderbar, als ob ich fliegen würde. Meine Mutter lachte wieder und alles schien vergessen. Aber dann, vor einer Woche, hat sich alles wieder verändert. Auf einen Schlag, einfach so. Lily und ich waren auf der Geburtstagesfeier eines Freundes und es war schon spät. Ich musste am nächsten Morgen schon früh raus. Deshalb hatte ich auch nichts getrunken. Lily schon. Als ich ihr sagte, dass wir losgehen sollten, hat sie gesagt, sie wolle noch bleiben. Ich wollte nicht mit ich diskutieren, also habe ich gesagt, dass sie mit einer ihrer Freundinnen heimfahren sollte. Sie hat genickt, mir einen Kuss gegeben und ist zurück zu den anderen gegangen. Beruhigt bin ich zu meinem Auto gegangen und nach Hause gefahren. Am frühen Morgen hat es plötzlich an der Tür geklingelt. Zwei Polizisten standen dort. Lily und ihre Freunde lagen im Krankenhaus. Sie waren um drei Uhr morgens betrunken mit dem Auto nach Hause gefahren. Ich weiß nicht, was in die Mädchen gekommen war, aber sie haben einen Radfahrer angefahren und  sind abgehauen., Vor Schreck haben sie eine Bahnschranke übersehen und sind in einen Zug gefahren. Zum Glück war Hilfe rechtzeitig zur Stelle. Als meine Mutter und ich außer Atem im Krankenhaus angekommen waren, waren die Mädchen noch ohnmächtig, eine war in der OP. Und zu meinem Schock saß ein fremder Mann neben Lily und hielt ihre Hand. Wie sich herausstellte, war es ihr Freund, mit dem sie seit drei Jahren zusammen war. Ich war anscheinend nur eine Affäre gewesen. Und als wäre das nicht noch genug, gab mir meine Mutter die Schuld am Unfall. Ich hätte bei Lily bleiben sollen, dann wäre es nicht so weit gekommen. Und heute, als ich aus der Schule zurückkam, stand dort eine gepackte Tasche. Meine Mutter sah mich an, keine Emotion war ihr anzusehen, ihr Gesicht war wie aus Stein, als sie sagte: „Du bist alt genug, um dich selbst um deine Sachen zu kümmern. Mein Sohn würde niemals seine Freundin zurücklassen und sie in Gefahr bringen.“ Sie hat mir die Tasche in die Hand gedrückt. „Mach was du willst, aber komm nicht mehr hierher.“ Dann hat sie sich umgedreht und ist ins Wohnzimmer gegangen. Ich stand einfach nur da, mein ganzes Leben lag vor mir wie ein Scherbenhaufen. In diesem Moment sind bei mir irgendwie die Sicherungen durchgebrannt. Ich habe den erstbesten Bus genommen und wollte Freunde aus dem Nachbarort besuchen, aber naja, daraus ist ja jetzt nichts geworden.“ Quentin endete und starrte bedrückt auf den Boden. Fürsorglich klopfte ihm Pit auf den Rücken. „Deine Mutter scheint eine ziemliche Hexe zu sein, wenn sie ihren Sohn einfach so rausschmeißt. Aber lass den Kopf nicht hängen, Quentin. Ich habe eine kleine Kammer, die frei steht. Wenn du willst, kannst du erstmal dortbleiben.“ Mit großen Augen sah Quentin ihn an. Er überlegte keine Sekunde. Und von diesem Moment an waren sie Freunde.

Zuerst fühlte es sich seltsam an zu einem fremden Mann ins Auto zu steigen, so zuvorkommend Pit auch war. Das Auto hatte schon bessere Tage gesehen, die Windschutzscheibe war zerkratzt und verdreckt, die Sitze hatten Löcher und der Lack blätterte. Sie fuhren vielleicht zehn Minuten über einen unebenen Schotterweg, als er vor einer alten Hütte anhielt. „Da sind wir schon. Jetzt komm aber rein, Junge.“ Die Hütte war mindestens so alt wie das Auto und Pit selbst, drinnen war aber alles sauber und ordentlich. Quentin stellte seine Tasche ab und sah sich um. Der Hauptraum bestand aus einigen Sofas, Sesseln, einem Tisch sowie zwei Stühlen und einer einfachen Küche. Drei Türen gingen von diesem Raum und eine steile Treppe führte nach oben. „Sie dich ruhig um“, meinte Pit und hängte seine Jacke neben der Tür an einen Haken. Quentin wollte nicht unhöflich sein, aber er war sehr neugierig. Zuerst besah er sich das Obergeschoss. Eigentlich war es nur ein kleiner Raum, in dem man nicht mal aufrecht stehen konnte. Hier schien Pit sein Gerümpel untergebracht zu haben. Die drei Türen führten zu einem kleinen Badezimmer, Pits Schlafzimmer und der Kammer, die Pit vorhin erwähnt hatte. Quentin lächelte. Erfühlte sich hier jetzt schon wohl.

Die ersten Tage waren seltsam für Quentin gewesen, aber er gewöhnte sich langsam an die neue Umgebung. Heute Abend saßen sie auf der Bank neben dem Haus. Pit hatte sich eine Zigarette angezündet und Quentin beobachtete gedankenverloren die kleinen Rauchwolken, bis Pit sich räusperte und ihn fragte: „Weißt du, was mich schon beschäftigt, seit ich dich kennengelernt habe?“ „Was denn?“ „Wieso hat deine Mutter dich rausgeschmissen? Ich kann das nicht nachvollziehen. Vielleicht hatte sie es schwer, aber du bist trotzdem ihr Kind.“ Quentin zuckte mit den Schultern. „Sie war schon immer so, habe es nie anders erlebt. Ma hat sich der 7. Klasse in diesen einen Jungen verliebt, der drei Jahre älter war. Sie wollte nie jemand anderen, als diesen einen Jungen, aber er wollte nicht. Nach der Schule und ihrer Ausbildung haben sie sich zufällig wiedergetroffen und haben eine Beziehung begonnen. Aber das, was ich gehört habe, war, dass der Kerl wirklich nicht gut zu ihr war. Ma hat sich immer untergeordnet, getan, was er gesagt hat. Und als sie dann schwanger geworden ist, hat er sie sitzengelassen. Sie hat sich verraten gefühlt. Ihre große Liebe, zu mindestens glaubt sie das, hat sie meinetwegen verlassen. Naja, das hat sie ziemlich ruiniert.“ „Also ist es eigentlich die Schuld deines Vaters?“ „Ich habe keinen Vater, nur einen Erzeuger. Aber ja, es ist seine Schuld. Als Kleinkind war ich oft bei meiner Tante, sie hat damals noch ganz in der Nähe gewohnt. Dann ist sie aber umgezogen und Ma war auf einmal wieder mit der Verantwortung konfrontiert.“ Leise fügte er hinzu: „Und mit mir.“ Pit klopfte ihm ermutigend auf den Rücken. „Du kannst mir alles erzählen, Quentin.“ Dieser nickte. „Ich hatte irgendwann Angst nach Hause zu gehen. Ma war schlecht gelaunt, wütend und depressiv. Aber ich konnte sonst nirgendwohin. Ich hatte nicht viele Freunde und die meisten wohnen zu weit weg.“ „So wie die, zu denen du wolltest?“ Quentin nickte. „Das tut mir wirklich leid, Quentin. Du bist ein so aufrichtiger Junge.“ „Danke Pit.“ „Weißt du, Quentin, vergiss die Menschen, die dir wehgetan haben. Vergiss deine Mutter und Lily, wenn es dir hilft. Sie sind es nicht wert, dass du ihnen nachtrauerst. Wichtig ist, dass du nach vorne blickst. Du kannst dir nicht aussuchen, wer dich verletzt, aber du kannst dir aussuchen, wer deine Wunde heilt. Diese Menschen sind deine wahre Familie, denn sie werden dich niemals verletzen.“ Der Junge starrte auf seine Hände und schwieg, doch dann meinte er: „Ich hasse meine Mutter deswegen aber nicht. Sie gibt mir vielleicht die Schuld, aber sie ist immer noch meine Mutter, egal was sie sagt.“ Etwas traurig sah Pit in den Sonnenuntergang. „Das ist sehr gut so, Junge.“

 

Quentin und Pit wuchsen über die Zeit zu einer richtigen kleinen Familie zusammen. Pit betrieb eine kleine Werkstatt in der nächsten großen Stadt und der Junge half ihm aus, so oft es ging. Auch nachdem Quentin seinen Abschluss gemacht hatte, lebte er noch in der kleinen Hütte. Doch etwas beschäftigte Quentin. Oft beobachtete er Pit, wie er müde und traurig vor sich hin starrte und sich mehrere Minuten nicht bewegte. Danach war er immer schlecht gelaunt und man ließ ihn dann besser in Ruhe. Quentin getraute sich nicht zu fragen, was der Grund für Pits Traurigkeit war, aber ansonsten liebte Quentin es einfach hier.

Es war im Winter als es Pit immer schlechter ging. Seine wasserblauen Augen strahlten nicht mehr wie sonst, er hustete immer öfters und konnte nicht mehr so lange arbeiten. Meistens lag der alte Mann im Bett und schlief, wenn Quentin aus der Werkstatt kam. Gerne wüsste er, was nicht stimmte, aber Pit weigerte sich, zu einem Arzt zu gehen. Das seien nur Quacksalber, die würden ihm auch nicht helfen können, sagte er immer.

Es war bereits dunkel, als er Quentin zu sich rief. Weihnachten stand vor der Tür und sie hatten einige Lichterketten aufgehängt. Der Junge zog sich einen Stuhl neben Pits Bett und sah ihn abwartend an. „Du hast vielleicht gemerkt, dass es mir ziemlich schlecht geht“, meinte Pit und verzog seinen Mund zu einem Grinsen. Quentin nickte traurig. „Ich will dir eine Geschichte erzählen. Schließlich ist bald Weihnachten, genau die richtige Zeit für schöne Geschichten. Mach’s dir bequem.“ Der Junge nickte, holte sich ein Kissen und eine Tasse Tee, um sich dann wieder neben Pit zu setzen. „Also die meisten Geschichten fangen mit Es war einmal an, aber ich mag das nicht. Denn diese Erzählung dauert noch an, sie ist noch. Deshalb beginne ich lieber mit Vor langer Zeit, als du noch gar nicht geboren warst. Das klingt besser, oder?“ Quentin nickte lächelnd. „Gut, das ist gut. Also vor langer Zeit, als du noch gar nicht geboren warst, lebten ein Mann und eine Frau. Sie wuchsen in verschiedenen Städten auf, aber wie der Zufall es wollte, trafen sie sich an einem kleinen See und verliebten sich. Sie waren so glücklich, dass alle Menschen, die sie ansahen, lächeln mussten, Hand in Hand gingen sie zurück, doch bald mussten sie zurück nach Hause. Ihre Wege trennten sich für eine lange Zeit. Doch es sollte so kommen, dass ein Sturm das Dorf des Mannes verwüstete und sie umziehen mussten. Niemals hätte er gedacht, dass seine neuen Nachbarn die Familie des Mädchens wären. Niemals war der junge Mann glücklicher. An einem lauen Herbsttag heirateten die Beiden, verliebt und naiv. Im Frühling des darauf kommenden Jahres bekamen sie Tochter.“ An dieser Stelle unterbrach Quentin Pit. „Ich würde wetten, die Geschichte endet nicht so schön, wie sie begonnen hat, oder?“ Traurig schüttelte Pit den Kopf. „Nein, natürlich nicht. Eine Geschichte, die nur sonnig ist, will niemand erzählen.“ „Das verstehe ich nicht ganz.“ Pit überlegte kurz. „Du würdest niemals ein Buch lesen, das keine Handlung hat, keine Spannung. Das wäre langweilig und so ist unser Leben auch: Es ist spannend und abwechslungsreich, aber auch traurig und schwer.“

Er seufzte und fuhr fort. „Der Mann war glücklich und zur gleichen Zeit ein dummer Esel. In der Stadt gab es eine kleine Pokerrunde, die er öfters besuchte. Und er verspielte all sein Geld. Die Frau war wütend und drohte, ihn zu verlassen, wenn er seinen Spielwahn nicht bekämpfen würde. Aber der Mann hörte nicht auf sie. Er hörte auf niemanden. In einer Nacht, während der Mann schlief, verließ sie ihn und nahm die kleine Tochter mit. Er hat sie nie wiedergesehen. Das rüttelte den Mann wach, er verbesserte seine Lebensweise und war bereit, seine Tochter und die Liebe seines Lebens wiederzusehen, doch sie wohnten nicht mehr in ihrem alten Haus. Niemand konnte dem Mann helfen und er war verdammt, sein Leben in Einsamkeit zu leben und auch so zu sterben.“ Als Pit geendet hatte, rann ihm eine Träne über runzlige Wange. „Mein Gott, Pit. Das tut mir so leid. Ich wusste nie … Also …“ „Ist schon gut, Junge. Ich wollte es dir nur erzählen, damit du merkst, dass unser Schicksal nicht so verschied …“ Sein Satz wurde von einem starken Hustenanfall unterbrochen. Pit schüttelte es. „Es rührt mich ja, dass du es mir anvertraut hast, aber wir haben jetzt Wichtigeres zu tun, als von der Vergangenheit zu erzählen“, meinte Quentin energisch und stand auf. „Ich rufe jetzt einen Krankenwagen und ich will keine Widerrede hören. Du stirbst sonst noch in dieser Kälte.“ Pit grinste schief. „Genau das hatte ich vor. Ich bin alt, Quentin.“ Erschrocken drehte sich Quentin um. „Wie bitte? Du stirbst nicht, Pit. Du bist nur krank.“ „Und alt, Junge, jeder stirbt irgendwann und bei mir ist es heute soweit.“ „Ganz sicher nicht!“ Quentin griff nach dem Telefon und rief nach einem Krankenwagen.

Er handelte keine Sekunde zu spät. Pit hatte eine schwere Lungenentzündung und war stark unterkühlt. Die Ärzte fürchteten, auch wenn er es jetzt schaffen würde, habe er nicht mehr viel Zeit. Quentin entschloss sich, den alten Mann nicht ohne ein Dankeschön gehen zu lassen. Er hatte ihn gerettet, ihm dann auf geholfen, als er blutend am Boden lag und Worte konnten nicht beschreiben, wie dankbar Quentin ihm war. Er ließ Pit im Krankenhaus zurück und fuhr in ihre kleine Hütte. Er stellte alles auf den Kopf, um einen Hinweis auf Pits Familie zu finden. Fast die ganze Nacht durchstöberte er Schränke, sah in Schubladen, kramte in alten Aktenordnern und blätterte in verstaubten Büchern, bis ihm ein vergilbtes Foto aus einem Buch vor die Füße fiel. Es zeigte eine deutlich jüngere Version von Pit neben einer hübschen jungen Frau, die ein Baby hielt. Alle sahen so glücklich aus und das Baby schlief friedlich. Quentin drehte das Foto um. Auf der Rückseite stand in einer ordentlichen Schrift eine Adresse. Quentin warf einen Blick auf die Uhr. Sechs Uhr früh, in spätestens zwei Stunden könnte er da sein. Er setzte sich hinter das Lenkrad seines Autos und fuhr los. Hoffentlich wohnte dort noch jemand, der ihm weiterhelfen konnte.

Um kurz vor acht parkte er sein Auto vor dem Haus, das noch bewohnt aussah und klingelte. Eine verschlafene Frau öffnete ihm. „Entschuldigen Sie die Störung, aber ich suche jemanden.“ „Aha.“ „Und zwar eine Frau mit ihrer Tochter. Sie haben hier mal gewohnt.“ „Haben Sie vielleicht einen Namen oder etwas in die Richtung?“ „Nur den Namen des Vaters: Peter Strohfeld, er wird aber Pit genannt.“ „Mein Onkel hat das Haus von einer Marie Strohfeld gekauft“, meinte die Frau, nachdem sie kurz nachgedacht hatte. „Wohnt Ihr Onkel hier?“, fragte Quentin weiter. Er war nervös und drückte die Daumen, dass er nicht zu weit fahren musste. „Nein, aber zwei Straßen weiter. Gehen Sie einfach hier geradeaus und dann rechts. Das Haus mit der Nummer zwölf, das ist es.“ „Haben Sie vielen Dank und Frohe Weihnachten.“ „Gleichfalls“, murmelte die Frau, als Quentin schon weiter eilte. Er wickelte sich seinen Schal enger um und zog die Mütze tiefer, da ein starker Wind aufgekommen war.  Es war eiskalt. Der Onkel der Frau öffnete ihm freundlich die Tür und bat ihn gleich herein. Er gab ihm Kakao und selbstgebackene Plätzchen, die Quentin hungrig aufaß, da sein Frühstück ausgefallen war. „Marie Strohfeld suchen Sie also. Sie ist eine entzückende Dame und hat mir das Haus zu einem Spottpreis verkauft. Ich habe mich wirklich geschämt, ihr nur so wenig Geld zu geben.“ „Und wissen Sie zufällig, wo sie hingezogen ist?“ „Naja, ihre Tochter ist älter geworden und sie wollten näher an die Stadt.“ Er überlegte kurz: „Ich glaube, sie hat mir eine Telefonnummer aufgeschrieben, falls ich Probleme mit dem Haus hätte. Moment, ich sehe rasch nach.“ Während Quentin wartete, aß er ein Schokoplätzchen nach dem anderen. Die waren aber auch zu lecker. „Hier. Ich habe es gefunden.“ Der Mann reichte Quentin einen Zettel. „Vielen Dank. Dürfte ich vielleicht kurz bei Ihnen telefonieren?“ „Aber gerne.“ Höflich zog er sich zurück und ließ Quentin in Ruhe telefonieren. Es meldete sich eine Kinderstimme. „Ist denn deine Mama oder dein Papa da?“, fragte Quentin. „Ja! Soll ich sie dir geben?“ „Das wäre sehr nett von dir.“ Einige Sekunden später meldete sich eine dunkle Männerstimme und Quentin erklärte sein Anliegen. „Strohfeld? Ja, die haben vor uns hier gewohnt. Sie sind vor einigen Jahren umgezogen.“ „Wissen Sie wohin?“ „Natürlich. Die gute Frau schickt unserer kleinen Tochter jedes Jahr eine Geburtstagskarte.“ Er nannte Quentin die Adresse. Erleichtert bedankte er sich und legte auf. „Wie weit ist das von hier?“, fragte Quentin, sobald der Onkel wieder das Zimmer betrat. Dieser warf einen Blick auf die Adresse. „Da wirst du einige Stunden fahren müssen. An deiner Stelle würde ich morgen fahren.“ Quentin seufzte. „Haben Sie vielen Dank für Ihre Hilfe, das Telefon und die Plätzchen.“ „Kein Problem. Es ist schließlich Weihnachten, da hilft man doch gerne.“ Quentin bedankt sich noch einmal überschwänglich und fuhr dann weiter. Der nette Mann hatte ihm sogar eine ganze Dose mit köstlichen Plätzchen mitgegeben, die er auf dem Weg aß. Quentin hoffte so sehr, dass Marie und ihre Tochter noch unter dieser Adresse wohnen würden.

 

Als er wieder an der Hütte angekommen war, beschloss Quentin,  im Telefonbuch nach der Adresse zu suchen, vielleicht könnte er Marie Strohfeld anrufen. Es war schon dunkel draußen. Er hatte gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war. Tatsächlich stand eine Marie Strohfeld im Telefonbuch. Quentin griff nach dem alten Telefon und wählte die Nummer. Stumm lauschte er dem Tuten, aber niemand hob ab. „Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als hinzufahren“, überlegte er laut. „Morgen ist Freitag, also fahre ich am besten am Samstag, dann ist bestimmt jemand da.“ Er wählte jetzt die Nummer des Krankenhauses und erkundigte sich nach Pit. Dem Mann schien es den Umständen entsprechend zu gehen. Besorgt legte sich Quentin ins Bett und schloss die Augen. Auch, wenn er schrecklich müde war, konnte er nicht schlafen. Tausende Gedanken kreisten in seinem Kopf. Aber etwas machte im besonders zu schaffen: Was wäre, wenn Marie ihren Mann nach all den Jahren nicht mehr sehen wollte? Quentin konnte es sich nicht vorstellen und er wollte es auch gar nicht.

Seine Hände zitterten ein bisschen, als er am Samstagmorgen auf die Klingel drückte. Ob vor Kälte oder Nervosität konnte Quentin nicht sagen. Er war so früh wie möglich aufgestanden, um die lange Autofahrt rasch hinter sich zu bringen. Die Tür wurde von einem Mädchen in seinem Alter geöffnet. Quentin stockte der Atem. Dieses Mädchen war wunderschön. Sie hatte lange rote Haare und große blaue Augen, die unverkennbar Pits waren. „Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie höflich und lächelte. Quentin versuchte sich zusammenzureißen, aber sein Gehirn setzte kurz aus. Sie roch nach frischen Blumen. Es war, als ob sie den Frühling in dieses triste Wintergrau brachte. Er atmete tief ein und sagte dann: „Ich suche Marie Strohfeld.“ „Das ist meine Mutter. Was ist denn?“ „Es ist wichtig. Könnte ich vielleicht reinkommen?“ Sie zögerte kurz, nickte dann aber. „Natürlich. Kommen Sie, wir können uns in die Küche setzen.“ Nachdem er sich gesetzt hatte, holte das Mädchen ihre Mutter. Sie war offensichtlich gerade erst aufgestanden, wirkte aber sehr freundlich. Quentin schüttelte ihr die Hand und kam dann gleich zur Sache. „Entschuldigen Sie die frühe Störung, aber ich komme wegen Pit. Ihm geht es nicht gut. Ich fürchte, er lebt nicht mehr lange.“ Auf Maries Gesicht zeichnete sich Angst ab. „Pit …“ „Mama?“, fragte ihre Tochter. „Ich wollte ihm noch einen Wunsch erfüllen“, sprach Quentin weiter. „Bitte, wenn er ihnen wirklich etwas bedeutet, dann kommen Sie jetzt mit mir.“ Marie Strohfeld zögerte kurz, aber ihre Tochter sprang sofort auf. „Mama, ich habe meinen Vater noch nie gesehen. Denkst du nicht, es wäre fair, wenn ich ihn wenigstens einmal kennenlernen würde?“ „Ja, natürlich. Es ist nur so …seltsam.“ Sie wandte sich wieder an Quentin. „Pit stirbt, sind Sie sich da sicher?“ Quentin nickte. „Ich habe ihn ins Krankenhaus gebracht.“ „Ich ziehe mir noch schnell eine Jacke an, dann können wir los“, beschloss sie dann kurzerhand. Gemeinsam saßen sie nach wenigen Minuten in Quentins kleinem Auto. „Woher kennen Sie meinen Vater?“, fragte die Tochter von der Rückbank. „Er hat mir geholfen, als ich nicht mehr weiter wusste und am Ende war. Ich bin ihm etwas schuldig, deshalb habe ich Sie gesucht.“  „Das ist sehr anständig von dir, Quentin.“ Er lächelte verlegen und trat aufs Gas. Er hatte Angst, dass sie zu spät kommen würden.

  Im Krankenhaus angekommen, eilten sie durch die Gänge. Quentin führte sie zu Pits Zimmer und klopfte an die Tür. Zögerlich traten sie ein. Pit war wach, sah aber sehr schwach aus. Er lächelte als er Quentin sah. Dann fiel sein Blick auf Marie und seine Augen weiteten sich ungläubig. Hinter den beiden schloss seine Tochter die Tür. Bebend streckte Pit seine Hand aus und flüsterte: „Veronika.“